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Nichts als die Wahrheit.

16.Juli 2003

Am wahren Leben knapp vorbei geschrammt.

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                   3 Vermutungen über die Genesis des Maurischen Kompotts














Kachelflies im Maurischen Kabinett
Alte und neue Kacheln, friedvoll gegeneinander gesetzt
Römisches Kabinett, Treppe zur Aussichtsplattform
 
   
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Zweifellos historisch belegt werden kann die Tatsache, dass das Verhängnis  am 29. Juno 2003 mit einem Sonntagsausflug nach Belvedere zum Potsdamer Pfingstberg begann. 

Pegasus Gruppe
Vision von Friedrich Wilhelm iV Belvedere Belvedere, erbaut 1847-63 von Persius, Stüler, Hesse Das verehrte Maurische Kabinett

Vormittags wurde ich von einer  21-1/2-zügigen königsindischen Variante peinlich überrollt, weil  meine Gedankenbäume nicht vorausschauend genug in den Himmel wuchsen. Nachmittags schlurfte ich, immer noch völlig neben den Schuhen und ohne Augen auf die herrliche Kulturlandschaft, mit hängenden Kopf, streunendem Hund und der kleinen Familie zum hohen Haus. 

Buch Jonathan

Plötzlich und unerwartet erschien mir (Mäusel, verzeih meine geistige Fahrlässigkkeit)  in einem netten Tag-Traum (man nennt es wohl auch Sekundenschlaf) Caissa, unsere anbetungswürdige Göttin und sprach milde: "Armer Hanswurst, da hast du nun jahrelang am Jammerlappen  Schmach und manchen Kummer geduldig ertragen. Öfter und öfter sehe ich dich wahnsinnig leiden. Ich mag dir meinen Segen geben und es seien dir auf deine alte Tage 3 Schach-Wünsche vergönnt. Doch wähle mit Verstand: du kannst sie nicht zurück nehmen!"

"Drei Wünsche auf einmal?", ich war ganz verwirrt und mit bebender Stimme murmelte ich ohne gründlich nachzudenken so etwas wie: "Ach, ich hätte liebend gern eine schlagkräftige Variante, mit der ich fiesen Königsindern das fürchten lehren kann, universal anzuwenden und ohne Variantenwust.
"So soll es sein!"
Caissa entschwand  und ließ mich mit meinem kleinen Verstand und unzähligen offenen Fragen allein zurück.

Von jenem heiligen Tage an nahm mich das Schicksal an die Hand. Ich spielte unternehmungslustiger, herausfordernd und gleichsam unschuldig, ja etwa wie ein Boxer mit herunter hängenden Armen, der seine Gegenüber zur Weißglut und in das Verderben treibt. Gegner um Gegner lächelten mir erst mitleidsvoll zu, ehe sie sich später selbst um ihren Verstand brachten. Meinem Ego wuchsen Flügel und neben schnellen und leichten Kontersiegen die Genugtuung, dass ich es allemal mit  entseelten Maschinen und erst recht mit lamentierenden Plappertaschen aufnehmen kann.

Nur hatte meine Variante einen unterschätzten, gravierenden Nachteil, den ich - vom Wünschen besessen - anfangs nicht ausreichend bedacht hatte: sie war stockhässlich. So unappetitlich, so übel, dass man mit ihr nirgendwo einen Schönheitswettbewerb bestreiten konnte. Man musste sich schon hüten, sie in einem Blitzangriff zu servieren. Viel schlimmer noch: in Mannschaftskämpfen fasste sich jeder Kamerad an den Kopf und es fiel manch unschönes Wort, das lieber verschluckt worden wäre. Ja ich schämte mich ob meiner vulgären Eröffnung in Grund und Boden. Aber es war wie verflixt, ich hatte mich unsterblich in sie verguckt und konnte nicht  von ihr lassen. Selbst wenn ich in der Anfangsphase einer Session länger grübelte als gewöhnlich zulässig, griffen meine Finger  immer öfter zu dieser grässliche Gurke.

Viel, viel später spielte mir meine Lesewut zufällig das Buch der sieben tödlichen Sünden zu, das meinen Verstand endgültig umkrempeln sollte. Offenbarungen eines Leidensgefährten, der mein Sohn  hätte sein können.  Sie bestärkten mich darin, ausgetrampelte Gemeinwege zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Lieber mochte ich trotzig auf einem abgelegenen, aber eigenen Pfad den Erfolg suchen. Bruder Jonathan berührte mit seinem Vermächtnis  meine gebeutelte Seele eben genau dort, wo ich eigentlich niemanden heranlassen wollte, und brachte sie zum klingen.

Buch John

Die Erscheinung einer neuzeitlichen Bibel (Advances since Nimzo) gebar erst recht fortwährende Zweifel, ob ich das königliche Spiel je in seiner Schönheit und Tiefe auch nur annähernd begreifen werde, geschweige denn anwenden kann. Ich gestatte mir ein Zitat, um die Reinheit seiner Ideen nicht durch weiteres Geschwätz zu verwässern:

 "Is is the aim of the modern school not to treat every position according to one general law, but according to the principle inherent in the position."

Ich kam mit mir nach und nach überein, mein Lebtag nie wieder stur fremde Gedanken zu memorieren, die  mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kaum  für die Wirklichkeit taugen. Einem ausgewachsenen homo ludens sterben täglich 50.000 Hirnzellen unwiederbringlich ab. Sollte man dann nicht lieber a priori auf neuzeitlichen Eröffnungsmüll einen großen Bogen schlagen?

Ich nahm mir vor, lockerer aufzuspielen, Gegner schon in der frühen Eröffnung zu selbständigem Denken zu verführen. Plötzlich allein und nicht mehr am Gängelband ihrer geistigen Väter kreieren sie seltsame Züge, die im Nachhinein nur mit andauerndem Kopfschütteln kommentiert werden können. 

Heute darf ich stolz verkünden, dass Prophet Bruder John nicht nur eloquent  Allgemeinplätze bestellt, sondern seine feinen Thesen in einem zweiten Buch beispielhaft mit Anschauungsmaterial untermauert. Wir sollten ihm ewig dankbar sein und i hm in unseren Herzen einen Tempel errichten.

Buch Mark

Der Lüders-Riegel ging und ging mir nicht aus dem Hirn. Da spielt einer doch jahrelang  so eine quere Eröffnung und punktet und punktet. Warum um alles in der Welt lege ich mir nicht auch einen heimtückischen, widerspenstigen Gedankenknüppel zu, mit dem man seine geistigen Gegner erbarmungslos traktieren kann.  Eins,  zwei, drei und schwups landet man im Mittelspiel oder sogar im Endspiel und eben dort sollte angehäuftes Wissen schon eher vages Gefühl verdrängen dürfen. Ich sinnierte weiter und weiter und eh ich mich versah, reifte in mir die Absicht, nächstens eine Endspieluniversität heimlich unter das Kopfkissen zu schmuggeln.

Mäusel, mein liebenswertes Weib holte mich zurück ins echte Leben und schenkte mir einen versöhnlichen Gedanken: "Wenn du halt mit den "Königskindern" nicht so zurecht kommst, warum spielt du  dann nicht einfach gegen die Königskinder.

"Leichter gesagt als getan: als eingefleischter, solider Positionsspieler werde ich doch nicht auf meine alten Tage das Repertoire total umkrempeln, wäre doch schon froh, wenn ich gegen die Vertreter der klebrigen Königsinder-Loge was bösartiges in der Vorderhand hätte."

Obwohl ich das schalkhafte Blitzen in ihren Augen übersah, fand ich Gefallen an ihren hintersinnigen Worten und drückte sie fester und herzlicher.

So schmiedeten wir in Bruchteilen von Sekunden eine heimliche Übereinkunft: ich offenbare ihr die Anmut und Grazie meiner  Anti-Denker-Eröffnung  und sie behält das alleinige Sorgerecht, mich jederzeit auf den Boden des realen Seins zurück zu zerren. 

Das kann sie leider nur zu gut. Ich erinnere an solche tröstenden Sätze wie: "Schach ist auch nur ein Spiel" oder "pass doch auf, du hast schon wieder gekleckert". Die Idee zu diesem Pakt kam uns just in dem Moment, als wir das Maurische Kabinett betraten, also in einen märchenhaften Raum schwebten, der die Phantasie beflügelt. So  tauften wir das geheime Abkommen unsinnigerweise "Maurisches Komplott". 

Das Wort war kaum ausgesprochen als angezogen durch unser Turteln sich Hund und Kind ankuschelten um Streicheleinheiten zu erbetteln und unser 4-jährige Enkel fragte: "was ist das Maurische Kompott? Ich möchte bitte so gern heute Abend auch ein Maurisches Kompott essen".

 Blick vom Ostturm des Belvedere

letzte Änderung:
 16. Juli 2003
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